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Aufs hohe Ross kam nicht jedermann



damals freimarkt historisch

Über die „alten Daddys“ auf den besten Plätzen kann sich Wolfgang Porsch bis heute amüsieren. „Die saßen immer direkt an der Manege und spendierten den jungen Deerns öfter mal Freikarten.“ Nicht nur aus lauter Herzensgüte. Sondern auch, damit sie etwas zu sehen bekamen für ihr Geld. „Das war nämlich in den Zeiten, als gerade der Minirock aufkam“, sagt der 84-Jährige schmunzelnd. „Uns war das nur recht, so konnte man seine Karten auch an den Mann bringen.“

Freimarkt historisch: Wolfgang und Holde Porsch erinnern sich an das Hippodrom. Foto: Karsten Klama
Freimarkt historisch: Wolfgang und Holde Porsch erinnern sich an das Hippodrom. Foto: Karsten Klama

Gut war sie wohl immer, die Stimmung in Haberjans Hippodrom. Daran dürfte auch der reichlich ausgeschenkte Alkohol seinen Anteil gehabt haben. „Trinken konnten sie alle“, sagt Holde Porsch, die Stieftochter des Betreibers Carsten Haberjan, „es gab sogar eine Sektbar.“ Natürlich blieb der Alkoholgenuss nicht ohne Folgen, so manch ein ambitionierter Reiter hatte zu fortgeschrittener Stunde seine liebe Müh’ und Not, das hohe Ross zu erklimmen. „Das klappte nicht mehr immer“, sagt ihr Mann Wolfgang und zeigt ein Foto, auf dem sich mehrere Kavaliere redlich bemühen, eine angetrunkene Dame in den Sattel zu hieven.

Der legendäre Schaustellerbetrieb war jahrzehntelang ein fester Bestandteil des Bremer Freimarkts. Nicht nur an der Weser, auch auf den Jahrmärkten in Oldenburg, Delmenhorst, Elsfleth, Vegesack und Cuxhaven ließ sich Haberjans Hippodrom regelmäßig blicken, zeitweise reichte der Radius sogar bis nach Hamburg und Rostock. Bis heute unvergessen ist der Werbeslogan „Reiten kann ein jedermann, im Hippodrom von Haberjan.“ In großen Lettern prangte der Spruch über dem Eingang, der von einem stilisierten Hufeisen gekrönt wurde. Das Erfolgskonzept lautete, neben dem Reitvergnügen auch Restauration anzubieten – in der Mitte die Manege, rundherum ausreichend Plätze fürs durstige Publikum. „Zu essen gab es bei uns nichts“, sagt Holde Porsch, „dafür musste man woanders hingehen.“

Bis zuletzt waren die Eheleute Porsch dabei, arbeiteten aber nicht durchgängig in dem Familienbetrieb. Beide hatten ihren Beruf, er verdiente sein Geld als Schiffszimmerer beim Norddeutschen Lloyd, sie als Verkäuferin in einem Feinkostgeschäft. Doch wenn sie gebraucht wurden, waren sie zur Stelle. Dabei konnten schon mal lange Nachtschichten herauskommen. Wolfgang erinnert sich an einen spontanen Einsatz beim Kramermarkt in Oldenburg. „Morgens bis vier Uhr habe ich den Abbau organisiert und bin dann wieder zur Arbeit nach Bremen gefahren.“

Die Anfänge von Haberjans Hippodrom reichen zurück bis ins Dreikaiserjahr 1888. Erst gab’s einen Probelauf beim Schützenfest im Frühjahr und dann das Debüt auf dem Freimarkt. Hinter dem Unternehmen stand Carsten Haberjan senior, ein gelernter Hufschmied. So ganz freiwillig kam sein Wechsel ins Schaustellergewerbe allerdings nicht zustande. Nach zwei Stürzen vom Pferd konnte er seinem Beruf nicht mehr nachgehen und arbeitete als Pferdehändler, erst als 34-Jähriger rief er das Hippodrom ins Leben.

In Bremen wurde Haberjans Hippodrom schon bald zum Begriff. Ein Freimarkt ohne ein paar Runden auf dem Pferderücken? Völlig undenkbar, der Besuch der Pferdebahn gehörte einfach dazu. Unzählige Menschen saßen bei Haberjan zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Pferd. „Zehn Pferde, zwei Ponys und ein Esel drehten in der Manege ihre Runde“, sagt Holde Porsch. Was die Erwachsenen konnten, sollte dem Nachwuchs nicht verwehrt bleiben. Seit 1933 gab es noch zusätzlich ein Kinderkarussell mit Shetland-Ponys. „Das stand immer in unmittelbarer Nähe“, sagt die 77-Jährige. Am Ende überdauerte das Kinderkarussell sogar das Hippodrom, noch in den frühen 1970er-Jahren war es ein fester Bestandteil des Bremer Weihnachtsmarkts.

Beheimatet war der Betrieb an der Hohentorsheerstraße in der Neustadt. Dort hatte Carsten Haberjan nicht nur ein eigenes Haus, sondern auch eine Reitbahn und die Stallungen für seine insgesamt 24 Pferde. Zu Freimarktzeiten blieben die Pferde nicht über Nacht auf der Bürgerweide. „Mittags trabten die Pferde los, und abends ging es wieder zurück in die Neustadt“, erinnert sich Wolfgang Porsch. Ein langer Zug von Vierbeinern, wobei die Pferde schon gesattelt waren. Um helfende Hände brauchte man sich nicht zu sorgen. „Das haben pferdebegeisterte Mädchen immer gern gemacht.“

Nach dem Tod seines hochbetagten Vaters im August 1941 übernahm Carsten Haberjan junior die Regie. Sein Markenzeichen: die Melone. In alten Zeitungsartikeln ist auch immer wieder von seiner Reitpeitsche als Erkennungsmerkmal die Rede. Doch das sei Unsinn, sagt Wolfgang Porsch. Sein Schwiegervater habe keine Peitsche gehabt, sondern nur einen Stock zum Dirigieren der Pferde. Lange Jahre war Haberjan ein Junggeselle, geheiratet hat er erst im Alter von 62 Jahren – die Auserwählte war Auguste Elise Zweibarth, die geschiedene Mutter von Holde Porsch.

Ganzjährig geöffnet war die Reithalle an der Hohentorsheerstraße: eine sprudelnde Einnahmequelle und zugleich ein festes Winterquartier für die Vierbeiner. Freilich zerstörte der Zweite Weltkrieg die Idylle. Nicht nur die Reithalle, auch das Wohnhaus verwandelte sich in einen Trümmerhaufen. Bei Bekannten in der Nähe von Verden kam die Familie unter, fand sich aber schon 1945 beim ersten Freimarkt nach Kriegsende wieder in Bremen ein – wenn zunächst auch ohne das obligatorische Zelt.

In den goldenen Jahren des „Wirtschaftswunders“ kam Haberjans Hippodrom rasch wieder ins Geschäft. Mit dem Unterschied freilich, dass die Familie bis zuletzt kein festes Dach über dem Kopf hatte, sondern im Wohnwagen lebte. Verzichten musste Haberjan auch auf den Wiederaufbau seiner Reithalle. Stattdessen kam zusätzliches Geld über die Vermietung einer Hochzeitskutsche herein. Und über eine weitere Kutsche, die als Reklamewagen über Bremens Straßen rumpelte.

Warum aber das abrupte Ende im Oktober 1970? Moderne Fahrgeschäfte seien jedenfalls nicht der Grund gewesen, sagt Wolfgang Porsch. Er ist überzeugt: „Das Konzept würde sich auch heute noch tragen, für Pferde können sich die Menschen immer begeistern.“ Tatsächlich ließ Haberjan damals wissen, er könne kein Personal mehr finden für die anstrengenden und langwierigen Arbeiten. Mit seinem fortgeschrittenen Alter habe das Aus nichts zu tun. Die Hoffnung des 69-Jährigen: vielleicht doch die Reithalle wiederzueröffnen und so seinen Angestellten eine Beschäftigungsperspektive über die bloße Saisonarbeit hinaus zu verschaffen. Doch dazu kam es nicht mehr. Fast genau ein Jahr nach dem Tod seiner Frau starb Carsten Haberjan 87-jährig im November 1988.

Wer weiß, vielleicht vermisst so manch ein Freimarkt-Besucher sein Hippodrom bis heute. Und ruft sich beim Bummel über die Bürgerweide noch einmal den schönen Reim in Erinnerung. Auch wenn wegen des Alkoholpegels doch nicht mehr jedermann noch reiten konnte bei Haberjan.
Von Frank Hethey


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