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Jan Preuß ist ein Afol, ein Adult Fan of Lego, wie man die erwachsenen Spielstein-Freunde nennt. Im Wohnzimmer baut er detailgetreue Modelle verschiedener Fahrgeschäfte, wie sie auch auf dem Freimarkt zu finden sind.

Einsteigen, bitte! Und schon geht es los. Die voll besetzte „Krake“ nimmt Geschwindigkeit auf. Der Tintenfisch dreht sich im Kreis, hebt seine Tentakel tanzend auf und ab. An deren Enden drehen sich vier Gondelkreuze in entgegengesetzter Richtung. Schwindelerregend schleudert das Tier seine Fahrgäste durch die Luft – genau wie das Original auf dem Bremer Freimarkt, bis es 2011 zum verheerenden Unfall kam.

Damals stürzte eine Gondel ab. Neun Menschen wurden verletzt, einige lebensgefährlich. Seitdem ist „Die Krake“ vom Freimarkt verbannt. Doch bei Jan Preuß im Ostertor dreht sich das Fahrgeschäft weiter. Der 45-Jährige nennt sich Lego-Schausteller und hat sich aus etwa 2000 Teilen seine eigene, motorisierte „Krake“ gebaut.

Jan Preuß baut aus Lego sehr aufwendige und mit Motoren angetriebene Kirmes-Fahrgeschäfte (Frank Thomas Koch)
Jan Preuß baut aus Lego sehr aufwendige und mit Motoren angetriebene Kirmes-Fahrgeschäfte (Frank Thomas Koch)

Preuß ist ein Afol, ein Adult Fan of Lego, wie man die erwachsenen Spielstein-Freunde nennt. Oft treibt er sich auf Flohmärkten wie etwa auf der Bürgerweide und im Hansa-Carré rum, sucht nach speziellen Teilen, um seine Kirmes-Modelle nach echten Vorbildern so originalgetreu wie möglich nachzubauen. Doch schon die Suche gestaltet sich schwierig. „Man bekommt von Lego fast alles in der Farbe Rot“, sagt Preuß. Wer aber grüne oder gelbe Gondeln bauen will, der müsse auch mal geduldig sein. Obendrein stelle die dänische Spielzeugfirma viele Teile gar nicht mehr her.

Neun vollendete Fahrgeschäfte

Der Lego-Fan hat daher vorgesorgt und sich ein gut sortiertes Sortiment an Spielsteinen, Spezialteilen und Figuren angelegt. In seiner Wohnung stapeln sich 60 Plastikboxen in der Größe von Getränkekartons, zudem 15 kleine Kisten. Die fertigen Modelle, wenn sie nicht aufgebaut sind, hat er wie die Originale auf Packwagen verladen – oder wie die echten Schausteller und Jan Preuß dazu sagen: auf Rollen.

Neun aufwendig konstruierte Fahr- und Laufgeschäfte hat der Bremer bereits vollendet, darunter den kleinen „Breakdancer“, den die Gröpelinger Firma Dreher & Vespermann 1985 auf der Osterwiese einführte, und der regelmäßig auf dem Vegesacker Markt zum Einsatz kommt. Auch einen „Avenger“, der die Fahrgäste kopfüber in die Höhe hebt, hat Preuß rekonstruiert – außerdem Geschäfte wie „Maximum Speed“, „Babyflug“, „1001 Nacht“ und bekannte Freimarkt-Buden wie „Kartoffel & Co.“ und „Schau’s Grill“.

Erst vor wenigen Tagen hat Preuß den „Breakdancer“ der Frankfurter Firma Alexander Schramm & Sohn auf seinem Freimarkt im Wohnzimmer in Betrieb genommen. An dem Modell mit einer Fläche von 60 mal 60 Zentimetern habe er bis zu 300 Stunden gearbeitet, sagt er. Materialkosten: rund 400 Euro. Ein Video davon hat er jetzt auf seinem Youtube-Kanal „Lego Kirmes Bremen“ veröffentlicht.

Aufwendiges Hobby

Sechs Lego-Mikro-Motoren und drei Fahrpulte mit Transformatoren hauchen diesem Spielzeug Leben ein – genau wie bei der „Krake“. Dafür allerdings musste Preuß einige Eingriffe vornehmen, die unter Afols nicht unumstritten sind. „Ich bin kein Purist“, sagt er, „ich klebe, verwende Kupfer und bohre Löcher für die Kabel.“ Ansonsten aber verbaut auch er nur Lego-Teile – genauso bei den Rückwänden, die die Fahrgäste in die Welt der Fantasie entführen. Da hebt eine Krake mit dicken Augen bedrohlich ihre Tentakel, während Delfine aus dem Wasser springen und ein Mann mit Jetski auf den Wellen reitet – die Achtziger lassen grüßen.

Preuß verwendet für die Rückwände Lego-Grundplatten, die er mit computerbearbeiteten Fotos der originalen Fahrgeschäfte bedruckt. Trotz dieser Detailversessenheit habe ihn seine Freundin noch nicht für verrückt erklärt, versichert Jan Preuß. Nur manchmal sei es schwer für sie, wenn er mal wieder stundenlang neue Teile wegsortiere, sagt er und lacht verschmitzt. Ganz verschonen kann er seine Freundin nicht. Denn die nächsten Modelle sind bereits in Arbeit, darunter ein Autoskooter nach dem Freimarkt-Vorbild „Bee Bop Drive“.

Angefangen auf dem Schützenfest

Viele Fahrgeschäfte und Buden kennt Preuß aus eigener Erfahrung. Angefangen als 14-Jähriger auf dem Lilienthaler Schützenfest jobbt er schon seit vielen Jahren auf norddeutschen Märkten – zum Beispiel als Chip-Einsammler an Fahrgeschäften, an Schießbuden und am Grill. Mittlerweile arbeitet der gelernte Gas-Wasser-Installateur hauptberuflich in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung und findet für die Märkte kaum noch Zeit. „Wer aber seit seiner Jugend auf dem Freimarkt jobbt, dem ist das ins Blut und Pipi übergegangen“, beschreibt Preuß seine Affinität für die Volksfeste.

Eine Leidenschaft, die er schon länger pflegt als die zu Lego. Denn nach der kindlichen Spielerei war erst mal Schluss mit den Bausteinen. Erst mit Ende 30 sah er im Internet das Video eines Modells der „Krake“. „Da stand für mich fest: Das will ich auch haben.“ Heute ist sein Anspruch, alles noch ein bisschen besser zu machen als die anderen. Lediglich zehn Lego-Schausteller im deutschsprachigen Raum gebe es, die seine Qualität erreichten, schätzt Preuß.

Sein großes Ziel – es ist erstaunlich klein. Irgendwann wolle er mal all seine Modelle gleichzeitig in Betrieb nehmen, sagt Preuß. Doch dafür müsse er sich noch weitere Fahrpulte anschaffen – für 20 Euro das Stück. Große Lego-Baukästen für manchmal Hunderte Euro reizen Preuß hingegen nicht. „Wenn ich mir mal ein Set kaufe, dann nur ein kleines, weil mir manche Figuren oder Teile gefallen“, sagt er. Die verstaut er dann sofort in seinen Boxen. Denn Polizeistationen oder Raumschiffe sind seine Sache nicht. „Meine Welt ist die Kirmes“, sagt Jan Preuß und lässt die „Krake“ tanzen.

Rund 20 Videos hat Jan Preuß bislang zu seinen Lego-Modellen veröffentlicht. Zu finden sind sie im Internet unter www.youtube.com unter dem Stichwort „Lego Kirmes Bremen“.
Von Jörn Seidel

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