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Sie hat eine direkte Art und mag es gar nicht, wenn Leute sie anfassen und ihr helfen wollen, ohne sie vorher angesprochen zu haben. Petra Hass gilt als blind. Das hält sie aber nicht davon ab, dem Bremer Freimarkt einen Besuch abzustatten. Am liebsten geht sie abends. „Dann sehe ich die Lichter besser“, sagt die 49-Jährige, denn die könne sie durchaus noch sehen. Manuela Thies, die sie ehrenamtlich begleitet, ist darüber immer wieder erstaunt, „Sie erschnuppert alles“ sagt sie.

Müssten die Geräuschkulisse und die vielen Gerüche die Orientierung einer weitgehend Blinden nicht durcheinanderbringen? Damit dies nicht passiert, ist Manuela Thies dabei. Sie begleitet Petra Hass, beschreibt ihr, welche Buden zur rechten und linken Seite liegen. Auf dem Freimarkt könne sie sich kaum orientieren, sagt Petra Hass, weil es keine Blindenstreifen gibt. Außerdem seien die Wege sehr kurvig und zweigten sich an einigen Stellen sogar auf. „Da stellt sich dann stets die Frage, wie ich zurückkomme“, sagt sie.

Leider bekomme sie auch nicht immer mit, was alles um sie herum passiert, und welche Buden wo stehen. „Man riecht zwar die Süßigkeitenbuden, aber nicht die einzelnen Dinge“, erläutert sie. Ein Wust aus Gerüchen, der sich über dem Freimarkt ballt und in dem man nicht immer klar trennen kann. „Der Geruch hilft zwar ein bisschen zur Orientierung, verrät aber noch nicht, was es alles gibt“, sagt Petra Hass.

Petra Hass vom Sehbehinderten und Blindenverein Bremen Foto: Frank Thomas Koch

„Guck mal“, sagt sie plötzlich und bleibt direkt vor der Achterbahn „Teststrecke“ stehen. Die kann sie also noch sehen? „Nein“, erwidert sie, „ich habe nur etwas Helles gesehen, das sich rauf und runter bewegt hat.“ Auch ein Kinderkarussell bewundert sie. „Es ist so schön bunt.“ Vor dem „Happy Traveller“ stoppen Petra Hass und ihre Begleitung ebenfalls. „Ich mag das Bunte“, sagt sie und klopft mit ihrem Blindenstock im Takt der Musik auf die Pflastersteine.

Petra Hass ist ein fröhlicher Mensch. Von der guten Stimmung um sie herum angesteckt, wippt sie jetzt mit den Füßen. Als der Betreiber des Karussells „Happy Traveller“ seine Durchsagen macht, ist Hass vollkommen aus dem Häuschen. „Das finde ich schon herrlich, wenn die so sprechen“, sagt sie und strahlt.

Weiter geht es zu einem Stand mit Schokofrüchten. Erdbeeren müssen es sein. Während sie isst, erzählt Petra Hass weiter: „Die Lichter, die Musik und der Lärm sind für mich die Hauptattraktionen.“ Manchmal tanze sie sogar vor den Karussells. Weiter geht es in Richtung Riesenrad, denn da möchte sie heute auch noch einmal hinein. Auf dem Weg dorthin kommen sie und Manuela Thies am „Happy Sailor“ vorbei. Die Schiffe sehe sie zwar, sagt Hass, könne aber nicht erkennen, dass es Schiffe sind. Das weiß sie nur. Und als sich das Karussell in Bewegung setzt, ist Petra Hass ein weiteres Mal entzückt. „Kreischende Kinder liebe ich auch. Das gehört einfach mit dazu.“

Direkt um die Ecke wartet auch schon die nächste Verlockung: ein Crêpes-Stand. Das Bezahlen bekommt sie auch ganz allein hin. Während sie die Scheine noch erkennt, erfühlt sie die Münzen. Die Zwei-Euro-Stücke sehen für sie aus wie ein Spiegelei. „Innen gelb und außen weiß“, sagt sie lachend. Bei den Ein-Euro-Stücken sei das genau umgekehrt.

Neben der Musik und den Lichtern ist für Hass auch das Essen ein Highlight auf dem Freimarkt. Schokofrüchte, Crêpes und Steaks im Brötchen sind für sie ein wahrer Genuss, den sie sich zum Bremer Volksfest gönnt.

Von Alice Echtermann


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