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Unterwegs mit den Johannitern





Wenn die Fahrgeschäfte am Sonntagmorgen noch stillstehen, die Buden geschlossen sind und die Gänge auf dem Freimarkt menschenleer – dann ist die Stunde der karierten Hemden und Dirndl. In Rock oder Lederhose streben die Leute durch den Nieselregen auf das Bayernzelt zu. Drinnen drängen sich die Besucher bereits, die stickige Luft ist erfüllt von Musik und Stimmen. „Habt ihr alle Bier, braucht ihr schon Sanitäter? Die sind nämlich gerade hier“, ruft der Ansager von der Bühne.

Ricardo Bullan, Max-Jonas Kunz und Chiar Betal bahnen sich ihren Weg durch die Menge. In ihren leuchtend orangefarbenen Jacken sind sie weithin sichtbar, und dank der Durchsage weiß nun auch der jeder im Zelt, dass sie da sind. „Uns geht es gut“, rufen die Gäste ihnen lachend hinterher.

Sanitäter Ricardo Bullan von den Johannitern versorgt eine Bayernzelt-Besucherin, die sich beim Sturz das Knie angeschlagen hat.

Der Streifendienst der drei Sanitäter hat um 11 Uhr begonnen. An diesem Wochenende sind die Johanniter für den Freimarkt zuständig. Sie teilen sich die Arbeit mit drei anderen Hilfsorganisationen – dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und den Maltesern. Beim Frühschoppen ist die Situation immer etwas Besonderes. Obwohl die Besuchszeit auf dem Freimarkt erst mittags beginnt, sind die Sanitäter schon am Morgen präsent. Das sei allerdings noch nicht lange so, sagt Einsatzleiter Jan Heitmann. „Es ist dieses Jahr das erste Mal, dass wir die ganze Mannschaft hier haben.“ Ob die Leute heftiger feiern als früher, kann er nicht sagen – aber das Bayernzelt werde wohl immer beliebter.

Deshalb haben die Sanitätsdienste ihr Lager direkt neben der Bayernfesthalle aufgeschlagen. 24 Einsatzkräfte und ein Notarzt sind zuständig für die erste Versorgung. In ernsten Fällen rufen die Johanniter meist den Rettungsdienst, damit dieser die Patienten ins Krankenhaus transportiert und sie selbst vor Ort bleiben können.

Beim Frühschoppen sind Kopfverletzungen oder auch Herzinfarkte nicht ungewöhnlich. „Was mich erschreckt, ist, dass der Frühschoppen gar nicht endet, sondern die Leute einfach bis abends bleiben“, sagt Heitmann. Persönlich sei er kein großer Freimarkt-Gänger: „Mir sind das zu viele Menschen. Ich bin ganz froh, wenn ich in meinem Container bleiben kann.“ Dort nimmt er Notrufe entgegen. Sein Kollege leitet diese per Funk an die Teams draußen auf dem Freimarkt weiter. Die Streifen laufen ihre Runden über die Bürgerweide, und natürlich sind immer Sanitäter in der Nähe des Bayernzeltes. Gerade an diesem verregneten Sonntag ist dort die meiste Arbeit zu erwarten.

v.l.n.r.: Ricardo Bullan, Chiar Betal, Max-Jonas Kunz

Ricardo Bullan, Max-Jonas Kunz und Chiar Betal bilden eines der Teams, die über den Freimarkt laufen. Als sie das Festzelt betreten, läuft gerade das Lied „An der Nordseeküste“. „Es ist voller, als ich dachte“, sagt Bullan. Die drei Sanitäter entscheiden, erst einmal eine Runde durch das Zelt zu drehen und sich zu orientieren. Für sie ist es der erste Einsatz im Bayernzelt, die erste Reizüberflutung ist ihnen anzumerken.

Die Johanniter sind alle ehrenamtlich im Einsatz. Bullan, 37 Jahre alt, arbeitet eigentlich im IT-Bereich; Kunz ist 21 und studiert Ingenieurstechnik, und Betal, 17 Jahre, möchte nächstes Jahr die Ausbildung zum Rettungssanitäter beginnen. Er ist bereits seit drei Jahren als Sanitätshelfer aktiv. Die Fortbildungen machen sie alle nebenher. Dass die Wochenenden für den Sanitätsdienst draufgehen, sehen sie nicht so: „Es gibt einem auch viel zurück. Man erlebt viel und lernt bei jedem Einsatz“, sagt Bullan.

Was das Bayernzelt angeht, haben sie nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Sie sind sich einig, dass das eher nichts für sie ist. Ricardo Bullan war schon dreimal dort; es war trotzdem nicht nach seinem Geschmack. Er zuckt die Achseln und lächelt: So früh am Morgen sei ihm ohnehin nicht nach Feiern.

Dabei ist die Stimmung ansteckend. Es läuft ein Lied von Helene Fischer – und das Bayernzelt ist absolut textsicher: „Ich will immer wieder dieses Fieber spür‘n, immer wieder mich an dich verlier‘n, will das Leben leben, wie ein Tanz auf dem Vulkan.“ Die ersten Besucher tanzen auf Tischen und Bänken.

Dann kommt der erste Einsatz: Am Rand des Zeltes müssen sich die Johanniter um eine junge Frau kümmern. Sie ist gestürzt und hat sich das Knie angeschlagen. Am Handgelenk ist ihre Haut aufgeschürft, doch die Kratzer bluten nicht. Die Sanitäter kümmern sich um die Prellung am Bein und legen einen dünnen Verband an. Die junge Frau lacht, scherzt mit ihren Freundinnen, das Getränk noch in der Hand. Mit einem Kühlpaket ausgestattet mischt sie sich schnell wieder unter die Menge. Die Prellung unter dem Knie war schon von gestern, nur leicht geschwollen und blau.

Beim Einsatz sind die Sanitäter immer hin- und hergerissen. Wenn es ruhig ist, sei das natürlich für alle besser, sagt Bullan. Allerdings vergehe die Zeit nur langsam. Einer der Ordner spricht die Sanitäter an: „Kommt in einer Stunde wieder, dann gibt es die ersten Schnapsleichen.“ Es ist, wie Einsatzleiter Jan Heitmann gesagt hat: Der Frühschoppen hat kein Ende, er geht nahtlos in das Abendprogramm über. Für die Johanniter wird es noch genug zu tun geben.

Von Alice Echtermann


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