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Ein Besuch auf dem historischen Freimarkt zwischen Rathaus und Liebfrauenkirche

„Holde Maid“ – zwei Worte reichen, um sich Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt zu fühlen, genau gesagt 750 Jahre. Filzlaus, so der Name des zuvorkommenden Verkäufers am Obstler-Stand, bietet nicht nur erlesene Liköre feil. Er hat dazu auch gar verwunderliche Geschichten im Sortiment – zum Beispiel von Elfen, mit denen sein vorgesetzter Herr, Markus Seitz, einen Pakt geschlossen habe. Sie sammeln den Tau auf den Morgenwiesen für den Elfentau-Likör.

Der Stand gehört zum Ensemble des historischen Freimarktes auf dem Liebfrauenkirchhof, das ein Zeitfenster in die Anfänge des Volksfestes bietet. Sprache, Kleidung und die Waren vermitteln historisches Flair, das auf die Neuzeit trifft – im Falle von Filzlaus auf Touristen aus Schweden und Taiwan, also quasi aus aller Herren Länder. Im feinsten Angelsächsisch werde die Sprachbarriere übersprungen und dabei auch schon mal Stift und Papier zu Hilfe genommen, um die Herstellungsweise von magischen Getränken wie Koboldfeuer, Druidenwurz und Hexengalle, aber auch von Beeren- und Fruchtweinen zu erläutern.

Bereits mit 15 Jahren ist Filzlaus, der seinen modern-bürgerlichen Namen geheim halten möchte, in die mittelalterliche Welt eingetaucht, heute ist er nach moderner Zeitrechnung 31 Jahre alt, „eigentlich aber schon 734 Jahre“, sagt er verschmitzt.

Weit in die Zeit zurück führt auch der Stand der Gewürzkrämer. „Wir gehören zu den dienstältesten Ständen hier“, erzählt die Krämerin. Angefangen habe es vor mehr als 20 Jahren, als es zum Freimarkt noch ein richtiges historisches Dorf gab, für das man eine symbolische Mark als Eintritt zahlen musste. Handwerker wie Schmiede sowie Gaukler haben laut der Krämerin damals eine richtige Inszenierung geboten, die an die Anfangszeit des Freimarktes erinnerte, der bald 1000 Jahre alt ist, und nichts mit dem Spektakel zu tun hatte, das seit 50 Jahren hinter dem Bahnhof auf der Bürgerweide stattfindet.

Auch wenn das Dorf inzwischen geschrumpft ist, bleiben die Gewürzkrämer ihm treu. „Wir handeln hier mit Dingen, die die Stadt einst reich gemacht haben, zum Beispiel mit Pfeffer, der aus weiter Ferne nach Bremen verschifft wurde, um ihn von hier aus weiter zu vertreiben“, erzählt die Marktfrau. „Von einem Kilo Pfeffer konnte man sich damals einen Gutshof kaufen“, weiß die Krämerin, die nicht nur Expertin für Gewürze aus aller Welt ist, sondern den Kunden immer auch ein Stück Historie gratis mitgibt.

Ein globales Sortiment bietet auch Silke Engmann an. Ihre Kunsthandwerkwaren kommen aus allen Ecken der Erde – es sind zum Beispiel bunt bemalte Kindertische und -hocker aus Thailand. Fernöstliches Flair verströmen auch die Buddhas und Elefanten aus Holz.

Aus einem ganz besonderen Holz sind die Brettchen, Löffel und Eierbecher am Stand von Michael Peetz geschnitzt. Sie werden aus Olivenbäumen gefertigt. „Die Stämme sind sehr hart, doppelt so hart wie die deutsche Eiche“, berichtet Lars Briesemeister, der den Stand für den Besitzer betreut und um die Besonderheit des Materials aus Tunesien weiß. Es sei besonders pflegeleicht und antibakteriell, erklärt er.

Ein besonderes Material wird auch ein paar Schritte weiter bearbeitet. Der Knochenschnitzer verkauft auf dem historischen Freimarkt keine Waren, sondern zeigt, wie und welche Gebrauchsgegenstände früher aus Knochen hergestellt wurden. Kämme, Messergriffe, Gürtelschnallen und vieles mehr kreiert er. Die ältesten „Gerippe“, die er dafür benutzt, sind 600 Jahre alt. „Diese stammen aus archäologischen Grabungen und werden, wenn es keine bedeutenden Funde sind, nach der Katalogisierung nicht mehr benötigt“, erzählt der Knochenmann, der im Hauptberuf Heizungsinstallateur und auf dem besten Weg in die Rente ist. Das Handwerk betreibt er als Hobby, zu dem er über einige Umwege gekommen ist. Angefangen hat alles mit seiner kaputten Motorradsitzbank: „Die habe ich selbst restauriert und dabei festgestellt, dass mir das liegt“, erzählt er. So kam er zum Lederkunsthandwerk – und schließlich ins Mittelalter. Da aber bereits so viele mit Leder arbeiteten, habe er sich auf Knochen spezialisiert – und stellt heute Gegenstände so her, wie bereits unsere Vorfahren vor 300 000 Jahren.

Von Steffi Urban



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